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amk. Was Laurent Gendre anpackt hat Format. Im Frackhemd oder in
lässige Jeans gekleidet - der qualifizierte Musiker versteht es je nach
Situation die Kenner der Klassik mit einem Mozart-Konzert und einer
Beethoven-Symphonie zu überraschen oder die Chormitglieder in der Probe zu Höchstleistungen zu motivieren. An den Anfang seiner Arbeit hat er die
Schulung der Chorstimmen gestellt. Der vielseitige Künstler hat sich zum Ziel gesetzt, den Klangkörper eines Chors oder Orchesters so homogen zu
formen, dass dieser dem Vergleich mit andern standhält. Die Resultate lassen sich sehen und hören. Anne-Marie Kohler sprach mit Laurent Gendre
über Musik, Bekenntnis, Chor- und Orchesterarbeit und CD-Aufnahmen.
Anne-Marie Kohler:
Die Sängerinnen und Sänger haben Sie glanzvoll zum neuen Musikdirektor des Oratorienchors Bern (OCB) gewählt. Der Chor gratuliert Ihnen ganz herzlich zur
ehrenvollen Wahl. Was bewog Sie zur Zusammenarbeit mit dem OCB? Wie ist
der Funke übergesprungen?
Laurent Gendre:
Ich habe schon mehrere Chöre dirigiert. Längere Zeit habe ich mit einem Kammerchor gearbeitet. Jetzt leite ich noch ein Vokalensemble, das vor allem alte Musik interpretiert. Mit diesen Chören habe ich auch Oratorien aufgeführt. Einen grossen Oratorienchor habe ich allerdings noch nie geleitet. Mich interessiert das Repertoire grosser Chorwerke. Der OCB bringt eine gute Erziehung und Erfahrung mit, das spürt man. Der Chor hat auch einen guten Klang und einen persönlichen Charakter als Klangensemble. So habe ich Lust zu arbeiten. Den Oratorienchor Bern habe ich bisher nur dem Namen nach gekannt. Ich habe durch verschiedene Leute erfahren, dass der Chor auf der Suche nach einem neuen Musikdirektor ist. So habe ich mich beworben.
Es gibt nichts Schöneres für einen Künstler, sein
Wissen und seine Erfahrung einem interessierten Kreis vermitteln zu
können. Was ist das Spezielle Ihrer Art, Musik zu machen?
Das ist schwer zu sagen. Hundert und mehr Sängerinnen und Sänger ergeben eine Klangqualität, die für die Aufführung grosser Werke von Brahms, Bruckner und Werke des 20. Jahrhunderts ideal ist, aber auch Kompositionen von Mozart oder Haydn oder Oratorien mit grosser Besetzung eignen sich dazu. Wenn ich eine Partitur einstudiere, versuche ich mich in den Komponisten hinein zu versetzen. Es bleibt aber immer eine persönliche Interpretation. Von historischen Interpretationen sind nur ein paar Hinweise überliefert, das ist jedoch ein kleiner Teil des Werks. Man kann deshalb nicht nur historisch interpretieren. Schliesslich spielt man für das Publikum von heute, das eine ganz andere Art des Lebens pflegt. Als Interpret fühle ich mich in die Rolle des Komponisten versetzt. Ich versuche die Partitur so zu lesen, dass die Zuhörer im Konzert erfahren, was der Komponist im Ohr gehabt hat. Das ist für mich das Wichtigste; d.h. man denkt nicht nur historisch, sondern gibt sich selber voll Energie und mit Herz in die Musik hinein.
Wie sehen Ihre Pläne im Hinblick auf den Ihnen neu
anvertrauten Berner Chor aus? Was sind Ihre Ziele?
Als musikalischer Leiter will ich auch für die Ausbildung sorgen, die bestehende Arbeit weiterführen, damit der Chor Fortschritte sowohl in der Technik als auch im musikalischen Bereich erzielen kann. Wichtig ist bei einem grossen Chor, beim Einstudieren eines Werkes so früh wie möglich so Musik zu machen, dass es gut klingt. Der Anfang der Arbeit ist mit einem grossen Chor anders als im kleinen Ensemble, wo die meisten schon das Notenlesen beherrschen. Im kleinen Chor brauche ich nicht vorzusingen oder vorzuspielen. Danach ist die Arbeit aber ähnlich. Ich rede über Klang, Intonation sowie Textaussprache. Eine grössere Anzahl von Sängerinnen und Sängern erfordert von mir mehr Aufmerksamkeit, um zu erfahren, ob alle meine Anweisungen richtig verstanden haben. In einem kleinen Ensemble hingegen merkt der Chordirigent sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Sie haben dem Chor zwei Werke zur Aufführung im
März 2002 vorgeschlagen. Eine klare Mehrheit sprach sich für Le
Martyre de Saint Sébastien (1911) von Claude Debussy aus. «The Dream
of Gerontius» (1910) von Edward Elgar schnitt schlechter ab. Was
schliessen Sie aus diesem Resultat?
An der Hauptversammlung wurde gesagt, dass es schön wäre mit einem Werk auf Französisch einzusteigen. Vielfach herrscht die Meinung vor, dass ein Welschschweizer das besser machen kann. Mich freut es, dass die Sänger das Risiko eingegangen sind, ein Werk einzustudieren, das die meisten nicht gut kennen. Ich finde es auch schön, dass der Chor mir dieses Vertrauen schenkt. Es ist zudem sehr wichtig, anstelle von sicheren Unternehmen auch Wagnisse einzugehen, wenn man Musik macht.
Was bedeutet Debussys geistliches Musikwerk?
Debussy hat nicht viel geistliche Musik komponiert. Er war nicht sehr
religiös im Sinne der Kirche. Das hat er selbst gesagt. Eine gewisse Religiosität spürt man trotzdem in seiner Musik. Le Martyre de
Saint Sébastien wurde zuerst für das Theater geschrieben. Der Text der fünfstündigen Bühnenmusik ist heute veraltet und wird selten gespielt. Die Musik jedoch ist genial; diese allein genügt aber nicht. Zwischen den Szenen gibt es Handlungen, die erklärt werden müssen, damit der Zuhörer inhaltlich folgen kann. Heute liegen deshalb mehrere Fassungen vor. Eine Fassung stammt von Germaine Ingelbrecht; die hat Debussy noch gekannt. Ich werde mich auf Ingelbrechts Fassung stützen, werde aber vielleicht noch ein paar Änderungen vornehmen. Für die Soloparts der konzertanten Aufführung sind drei Sängerinnen und ein(e) Schauspieler(in) nötig. Die Aufführung dauert etwa fünf Viertelstunden.
Wo in der Musikgeschichte würden Sie das Werk
ansiedeln? Weichen Einfluss hatte dabei Wagner auf Debussy?
Dem Stil nach wird Debussy vielfach dem Impressionismus
zugeordnet, verglichen mit der gleichnamigen Epoche in der Malerei. Es
gibt Stellen, wo man dies behaupten kann. Debussy ist aber ein bisschen
mehr als das. Denn beim Impressionismus denkt man an weiche und etwas
nebulöse Konturen. Das trifft als Erklärung für Debussy gar nicht zu. In seinen Kompositionen gibt es sehr oft harte und klare Strukturierungen. Seine Musik hat auch sehr viel mit zeitgenössischer Musik und mit Wagner zu tun. Es gibt eben viele Facetten. Ich sehe Parallelen zu Wagners Parsifal. Dieses Bühnenweihspiel ist formal mit Debussys Saint
Sébastien verwandt: Es ist weder reines Theater noch reines Oratorium.
Es gibt aber auch musikalische Einflüsse von Wagner. Diese findet man
allerdings vermehrt im Prelude à l'après-midi d'un faune, einem
früheren Werk von Debussy. Zieht man die Orchestrierung, die Sprache und
Harmonie in Betracht, so gehört Saint
Sébastien zu Debussys
Schlüsselwerken.
Sie wagen sich mit Saint
Sébastien an ein kaum
aufgeführtes Werk heran. Ist es eine lohnende Aufgabe? Was hatten Sie
ferner von Uraufführungen?
Es ist kein vergessenes Stück. Es wird bis heute regelmässig aufgeführt, nicht nur in Frankreich. Ich wage Werke aufzuführen, die nicht so bekannt sind, wenn ich von deren Grösse überzeugt bin. Auch Uraufführungen gegenüber bin ich nicht abgeneigt. Mit dem OCB ist noch nichts geplant. Ich muss den Chor zuerst besser kennen lernen. In den letzten Jahren habe ich fast jedes Jahr eine Uraufführung mit dem Vokalensemble «Orlando» gemacht. Letztes Jahr habe ich das Stück «Due Sogni Verdemare» für 16 Solostimmen des jungen Schweizer Komponisten Nadir Vassena, am Festival für geistige Musik, das alle zwei Jahre im Juli in Freiburg stattfindet, uraufgeführt.
Sie leiten in Freiburg seit 1993 die Silvester-Oper und
Operetten. Was hat für Sie Vorrang.- Bühnenmusik oder Konzerte?
Aufs Theater möchte ich nicht verzichten, auch dort geht es um die Stimme. Mit der Stimme zu arbeiten, war meine erste Leidenschaft. Als ich am Collège St. Michel in Fribourg war, habe ich mit Chorleitung begonnen. Ich habe damals auch Klavier gespielt. Mein Hauptinteresse galt aber nicht dem Klavier. Heute haben für mich Bühnenwerke und konzertante Aufführungen den gleichen Stellenwert.
Sie haben das Lehrdiplom in Klavier, Dirigieren gelernt
und Komposition studiert. Wie gewichten Sie diese Sparten für ihre
persönliche Entwicklung?
Ich habe Musik studiert, weil ich Freude am Dirigieren
hatte. Ich dirigiere nicht um Macht auszuüben, sondern weil ich gerne mit Leuten zusammen Musik machen will. Das Lehrdiplom in Klavier war nur ein Mittel dazu. Ich habe nie daran gedacht, Pianist zu werden. Ich habe zwar oft Sänger begleitet, was mir Spass machte. Ebenso wenig war mein Ziel, Musik selber zu komponieren. Dazu muss man Lust verspüren. Gemeinsam mit Rudolf Kelterborn habe ich allerdings in verschiedenen Stilen komponiert und dabei fürs Dirigieren viel gelernt. Wenn man selber einmal Musik geschrieben hat, kommt man beim Lesen einer Partitur dem Komponisten viel näher.
Sie haben von Macht beim Dirigieren gesprochen. Was
meinen Sie damit?
Dirigieren hat nichts mit Imponieren, nicht mit Macht
im Sinne von Dominieren zu tun. Es ist eine persönliche Frage, die auf Charakter, Temperament und Persönlichkeit schliessen lässt. Man muss sich selbst sein und dabei das Vertrauen der Musiker gewinnen. Ich habe viele Gastdirigate in Genf, Neuenburg und Biel gehabt. Ich habe oft das Orchestre de la Suisse Romande dirigiert. Mit dem Genfer Kammerorchester habe ich in Freiburg die Opern aufgeführt. Gastdirigate sind eine interessante Herausforderung. Der Dirigent muss sehr schnell ein Orchester verstehen lernen, dessen Stärken und Schwächen erkennen, um in zwei bis drei Tagen das Beste aus einem Ensemble herauszuholen. Ich möchte aber nicht nur das tun. Man ist nur kurze Zeit in einer Stadt. Um Beziehungen zu den Musikern zu knüpfen, müsste man alle Jahre wiederkommen. Die menschlichen Begegnungen sind sonst eher flüchtig.
Sie haben sich bei grossen Dirigenten
weitergebildet, bei Claudio Abbado und Nicolaus Hamoncourt. Was war Ihr
spezieller Gewinn?
Ich habe vor allem ihre Probenarbeit studiert.
Dirigieren kann nicht wie ein Instrument unterrichtet werden, bei dem der
Lehrer dem Schüler erklärt, was technisch besser ist. Beim Dirigieren kann jemand höchstens Ratschläge erhalten, mit Berufsleuten über Interpretationen reden. Danach entwickelt jeder seinen persönlichen Stil. Viel gelernt habe ich bei Proben- und Konzertbesuchen als Student in Basel. Ich verdanke vor allem meinem Lehrer Horst Stein, dem damaligen Chefdirigenten in Basel, sehr viel. Für die Chorarbeit habe ich am meisten profitiert, als ich selber gesungen habe.
Sie sind Lehrer für Chorleitung am Konservatorium
in Freiburg und bringen Erfahrung mit verschiedenen Chören mit.
Ich leitete bis 1999 den mit Laiensängern besetzten Chor «De Musica». Das Vokatensembie «Orlando» hingegen ist gemischt. Es singen einige Berufssänger und -musiker sowie viele Musikstudenten mit. Es ist schwieriger für diese Leute, weil der Chor klein ist. Die musikalische Verantwortung jedes Einzelnen ist grösser. Sie singen zum Teil auch solistisch. Im kleinen Ensemble zu singen - etwa Schütz oder Monteverdi - ist vergleichbar mit einem Dialog.
Seit zwei Jahren dirigieren Sie das Thuner
Stadtorchester Nun fassen Sie ein zweites Mal Fuss in der Deutschschweiz.
Woran liegt das und wie kamen Sie auf Thun?
Ich habe mich um die Nachfolge von Frangois Pantillon beworben, weil ich damals ein Orchester suchte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich vor allem Chorarbeit geleistet und wollte nun vermehrt auch Orchester dirigieren. Es spielt für mich keine Rolle, ob das Engagement in der Romandie oder Deutschschweiz ist. Thun war wie der OCB jetzt ein Zufall. Pro Jahr dirigiere ich im Schadausaal Thun fünf Abonnementskonzerte an je zwei Abenden.
Was sagen Sie zur These, dass das Publikum immer wieder
das Gleiche hören will?
Das sehe ich nicht negativ. Man hört eine Musik, um Überraschungen zu entdecken oder weil man die Musik liebt. Beides ist legitim und schön. Ich habe mir Bachs Matthäus-Passion wiederholt angehört. In längst bekannten Werken gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Was bedeuten für Sie Konzertkritiken in Zeitungen?
Lesen Sie weiche?
Ich habe keine Zeit, alle Kritiken zu lesen. Meistens
informiere ich mich aber, damit ich mit den Musikern darüber diskutieren kann. Ich finde eine Zeitungskritik wichtig. Sie bringt eine andere Beleuchtung ins Spiel. Dirigiere ich ein Konzert, so beurteile ich es nicht wie ein Zuschauer. Es ist jedoch interessant zu erfahren, was andere über ein Konzert denken. Dabei gibt es subjektive Auffassungen, die man mit den Kritikern teilt oder auch nicht.
In Bems Musikläden habe ich keine CD-Einspielungen von
Ihnen gefunden, z. B. mit ihrem renommierten Vokalensernble. Woran liegt
das?
Meine erste CD wurde von der Westschweizer Firma
Cascavelle hergestellt und in ganz Europa vertrieben. Die nächste CD kommt im September in den Handel. Auf der Aufnahme singt der «Orlando»-Chor ein Renaissance Werk von Ludwig Senfl. Der Komponist ist in der Schweiz geboren, war aber in München tätig. Er ist einer der besten Schweizer Komponisten überhaupt.
Haben Sie Zeit, Konzertaufführungen von Kollegen zu
besuchen? Ist Ihnen der Zugang zu andern Klangwelten ausserhalb der
Klassik auch vertraut?
Ja ich gehe gerne hin. Ich schaue Opern und höre Konzerte in der Schweiz und im Ausland an. Ich besuche aber nicht nur klassische Konzerte. Auch Jazz interessiert mich. Ich selber spiele auch immer wieder Jazz am Klavier.
Herr Gendre, herzlichen Dank für dieses Gespräch. |